i-platform – Zweite Generation
Die i-platform wurde vor gut zehn Jahren aus der Überzeugung heraus ins Leben gerufen, dass die Diaspora ein unverzichtbares Potenzial für die Entwicklung von Bosnien-Herzegowina darstellt. Ziel war es, die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Bosnien-Herzegowina zu stärken – insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft, Kultur und Soziales – und die vielfältigen Ressourcen der Diaspora besser zu vernetzen, zu koordinieren und sichtbar zu machen. In den vergangenen zehn Jahren konnten zahlreiche Projekte in sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen realisiert werden. Dabei wurde nicht nur das Potenzial der bosnischen Diaspora im engeren Sinne genutzt, sondern auch jenes der ex-jugoslawischen Diaspora im weiteren Sinne: um Brücken zu schlagen, Netzwerke aufzubauen und gemeinsam Neues zu erschaffen.
Nun ist es Zeit, die i-platform in eine zweite Generation zu führen. Die Herausforderungen sind nicht weniger geworden – aber sie sind andere. Die erste Generation der i-platform war geprägt von Menschen, die über längere Zeit in Bosnien-Herzegowina gelebt hatten, die den Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahre bewusst erlebt haben und aus diesen Erfahrungen heraus den starken Wunsch verspürten, eine Brücke zur „alten Heimat“ zu bauen. In diesem Geist möchten wir die i-platform weiterführen und ergänzen – mit Themen und Fragen unserer Generation und jüngerer Menschen in den Mittelpunkt stellen: jener Generation, die sowohl in Bosnien als auch in der Diaspora in der Schweiz zu Hause ist.
Viele von uns, deren Eltern in den 90er Jahren in die Schweiz gekommen oder geflüchtet sind, kennen Bosnien-Herzegowina vor allem aus den Sommerferien. Weniger als gesellschaftlichen oder kulturellen Raum, sondern vor allem über Familie und familiäre Rituale und Traditionen. Viele von uns haben sich die schönen und weniger schönen Erinnerungen und Erfahrungen unserer Eltern, Grosseltern und Verwandten zu eigen gemacht. Ohne diese je selbst gemacht zu haben. Zurück in der Schweiz hörten wir von anderen – und aus den Medien –, wie „unsere Kultur“ angeblich sei. Unsere Eltern sprachen oft nur wenig Deutsch, während wir unser Bosnisch verlernten, weil wir gerade dabei waren, Deutsch zu lernen.
Wir wurden früh zu Vermittler:innen zwischen unseren Eltern und den Schweizer Behörden. Als unsere Eltern aus unterschiedlichsten Gründen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre das ehemalige Jugoslawien und insbesondere Bosnien-Herzegowina verliessen, waren sie vor allem darum bemüht, uns eine Sicherheit zu geben, die sie selbst nicht hatten. Gleichzeitig hörten wir von aussen, wie über sie – und damit auch über uns – gesprochen wurde.
Während die Generation, die in die Schweiz migrierte oder flüchtete, meist genau wusste, woher sie kam, musste sich die zweite Generation dieses Wissen oft schmerzhaft erarbeiten. Wir sind nicht von dort, nicht von hier – und gleichzeitig sowohl von dort und als auch von hier. Manche von uns lehnten ihre bosnische oder ex-jugoslawische Herkunft zunächst ab, schämten sich für das „-ić“ im Namen, für die Gerüche des Essens zu Hause oder für den Akzent der Eltern. Später schlug diese Ablehnung bei einigen vielleicht ins Gegenteil um: aus Trotz wurde Stolz, das vermeintlich Schweizerische wurde abgewertet – zu steif, zu kalt, zu strukturiert. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Gefühle und Wahrnehmungen ist für viele eine reale Herausforderung. Doch auch das fühlte sich nie ganz richtig an, weil wir immer beides waren und sind.
Um diese ähnlichen Erfahrungen und Herausforderungen zuzulassen, zu fühlen, zu reflektieren und zu verarbeiten braucht es einen sicheren und verständnisvollen Raum. Einen Raum, in dem es nicht darum geht, woher wir sind, sondern darum, was uns ausmacht und was uns verbindet. So etwas möchten wir im “Zwischenraum” anbieten – einem intersektionalen und inklusiven Ort, für all jene, die bisher das Gefühl hatten, sich für eine Identität entscheiden zu müssen, ein Ort der uns erlaubt, alles gleichzeitig zu sein, gleichzeitig zu fühlen und genau das zu zelebrieren. Alles hat Platz, was unsere Lebensrealität prägt: unsere Erfahrungen, unsere Brüche, unsere Gefühle und unsere Ressourcen – sowohl fern von Bosnien-Herzegowina als auch unmittelbar verbunden mit Bosnien-Herzegowina.
Aus diesem “Zwischenraum” heraus möchten wir einander stärken und die Vielfalt der bosnischen und ex-jugoslawischen Diaspora sichtbar machen. Wir wollen weiter Brücken bauen zwischen Bosnien-Herzegowina und der Schweiz, voneinander lernen, einander unterstützen und gemeinsam eine bosnisch-schweizerische Kultur mitgestalten.
Unser “Zwischenraum” ist in der Schweiz ebenso verankert wie in Bosnien-Herzegowina, sowohl emotional als auch konkret in Form von transnationalen und interdisziplinären Projekten, wie die Swiss-Balkan Design Bridge in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern oder der Youth Voice project Series, welche unter anderem in Richterswil durchgeführt wurde. Durch die Projekte sollten Jugendliche in der Diaspora mehr über konkrete Förderprojekte in Bosnien-Herzegowina erfahren und gegenseitig einander bereichern. Im “Zwischenraum” möchten wir vereinen, deshalb sind alle Willkommen, die ein Interesse an transnationalem und kulturellem Austausch haben, ob mit oder ohne biografischen Bezug zu Bosnien-Herzegowina oder zum ehemaligen Jugoslawien. Denn viele der Fragen, Sorgen, Herausforderungen und Interessen, die uns beschäftigen, sind ähnlich – sie werden lediglich in unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Räumen verhandelt. Im “Zwischenraum” möchten wir die Aushandlung dieser Fragen, Sorgen und Herausforderungen mit einer wertschätzenden und unterstützenden gemeinsamen Haltung ermöglichen.
Es ist uns ein grosses Anliegen auch einen Raum zu schaffen, indem ihr eure Ideen, welche die transnationale und kulturelle Freundschaft zwischen der Schweiz und Bosnien-Herzegowina unterstützt, umsetzen könnt. Gemeinsam mit euch möchten wir das Gebiet von Bosnien und Herzegowina, als auch des ehemaligen Jugoslawiens insgesamt, als fruchtbaren Kulturraum sichtbar machen und prägen - sei das in Form von Kulturförderung, Kulturveranstaltungen, Bildung oder LGBTQIA+ Themen. Aufgrund der topografischen Ähnlichkeit zur Schweiz liegt uns auch die Vermittlung der bosnischen Naturgebiete am Herzen - Berge, Wanderwege, Wasserfälle - das verbinden bis jetzt die wenigsten mit Bosnien-Herzegowina. Hier möchten wir gemeinsam Aufklärungsarbeit leisten, indem wir mit lokalen Wander- und Klettervereinen zusammenarbeiten. Wir haben viele Visionen und Pläne, aber mindestens genauso viel Platz für eure Ideen.
Deshalb auch das Wort Copula, welches seinen Ursprung im Lateinischen hat und so viel wie Akt des Verbindens heisst. Und die Diaspora ist genau das – ein Akt des Verbindens verschiedener Kulturen, Länder, Erfahrungen und Generationen. Aus unserem “Zwischenraum” heraus in die Schweiz und nach Bosnien-Herzegowina.
Die erste Veranstaltung findet am 27. Februar ab 19.30 Uhr im Kulturzentrum Galvanik / in der Galvanik in Zug statt. Weitere Informationen folgen in den nächsten Tagen. Wir freuen uns mit euch gemeinsam einen Ort des Austauschs für Erfahrungen und von Wissen zu schaffen. Dabei soll das gesellige Zusammensein auch nicht zu kurz kommen.